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Prähistorische Kupferproduktion in den Ost- und Zentralalpen

Abstract

Projektphase I: Feldforschung
Seit Jahrzehnten sind die Überreste von vermutlich prähistorischen Kupferverarbeitungsprozessen im Oberhalbstein/GR bekannt. Das nahezu Nord-Süd-verlaufende Tal verbindet das Rheintal und das Oberengadin und ist somit seit Jahrtausenden ein naheliegender Verbindungsweg zwischen den Nord- und Südalpen. Dass das Tal auch als Siedlungsraum genutzt wurde, ist seit der Bronzezeit durch Siedlungen im Umfeld von Savognin belegt.
In den 1980er-Jahren wurden vereinzelte Untersuchungen an einigen abgesammelten Schlacken vorgenommen. Es wurde festgestellt, dass Kupfer gewonnen wurde.
Das von der Universität Zürich, Institut für Archäologie und dem Archäologischen Dienst Graubünden seit 2013 vorangetriebene Projekt geht dabei etlichen offenen Fragestellungen nach, die sich mit der Talbesiedelung und den auf Erz und Metall basierenden Aktivitäten seit der Bronzezeit ergeben:

  1. Datierung und Chronologie: Wann und wie lange finden Erzgewinnung und Metallverarbeitung im Tal statt?
  2. Bergbau und Erze: Wo und wie wurden die Erze im Oberhalbstein gefunden und abgebaut? Welche Erze sind im Tal vorhanden?
  3. Technologie: Wie werden die Erze weiter verarbeitet? Sind es lokale Erze, die verwendet werden? Ist vor Ort ausschliesslich eine Kupfergewinnung (oder auch eine Eisengewinnung) vorangetrieben worden? Welche archäologischen Relikte (Öfen, Röstbetten, Schlackenhalden usw.?) sind archäologisch nachweisebar?
  4. Mensch - Siedlung - Austauschsysteme: In welchem Zusammenhang stehen die Siedlungen im Tal mit den Abbau- und Weiterverarbeitungsstellen der Erze und Metalle? Können aufgrund der Basis von Erz- und Schlackenanalysen im Schweizer Mittelland Metalle erkannt werden, deren Erze aus dem Oberhalbstein stammen?

Die erste Projektphase wurde 2019 abgeschlossen.

Projektphase II: Human Impact
Während im ersten Projektabschnitt von 2013 bis 2019 die Befunde, Funde und Methoden der so genannten primären Metallurgie zur Kupferverhüttung archäologisch, mineralogisch, geophysikalisch und archäometrisch untersucht wurden, steht seit 2020 die Umweltarchäologie im Kontext des prähistorischen Kupferbergbaus im Oberhalbstein im Fokus.

Über 80 Schmelzplätze und ein knappes Dutzend Abbaustellen konnten aufgefunden und grösstenteils untersucht und zwischen später Bronze- und früher Eisenzeit absolut datiert werden (zuletzt Turck et al. 2019, Reitmaier et al. 2020 sowie weitere Literaturhinweise auf http://bergbauprojekt.blogspot.com/).

Dieser eindeutige Eingriff des Menschen in den Naturraum "Hochalpen" hat sichtbare Spuren hinterlassen. Nicht nur wurden Erze und Gesteine manipuliert, sondern auch Mengen an Holz für das Feuersetzen und Schmelzen der Erze benötigt. Zudem wurden Gewässer verschmutzt, Wasser verbraucht. Dieser "human impact" wird mit nicht-invasiven Methoden untersucht:

Während Ablagerungen von Schwermetallen in den zu den Verhüttungsplätzen gelegenen Mooren die Umweltbelastung aufzeigen, dienen dieselben Moore als Archive für die prähistorische, vom Menschen geformte lokale Vegetation: Pollenanalysen zeigen den Bestand der Bäume und Pflanzen auf und geben Hinweise auf einen vom Menschen gemachten Wandel. Wie gross sind die Eingriffe des Menschen in den Baumbestand, die Baumgrenze und wie stark werden die Moore verseucht und manipuliert? Bodenkundliche Untersuchungen sollen klären, ob und in welchem Umfang die Manipulation des lokalen Wassermanagements zu Wachstumsstopps, so genannten Hiaten, in den Jahrhunderte alten Mooren führten.
Der Verbrauch des Holzes wird durch anthrakologische Untersuchungen der Holzkohlen, die durch Grabungen und Sondierungen von den Abbau- und Schmelzplätzen stammen, analysiert. Dabei sollen zentrale Fragen zur lokalen Holznutzung beantwortet werden.

Projektrahmen

Internationaler D-A-CH-Projektverbund mit Bochum, Mannheim und leading house in Innsbruck (2015-18). Zugleich Lehr- und Forschungsgrabung, in Kooperation mit dem Archäologischen Dienst Graubünden (ADG).

ProjektpartnerInnen

  Dr. Turck Rouven Prof. Dr. Della Casa Philippe, Archäologischer Dienst Graubünden (Th. Reitmaier, M. Seifert), Landesmuseum Zürich (S. van Willigen), Institut für Archäologien der Universität Innsbruck (G. Goldenberg), EMPA Zürich, Analytical Chemistry (M. Senn), ETH Zürich, Laborarory of Ion Beam Physics, (I. Hajdas), VIAS, Vienna Institute for Archaeological Science (M. Mehofer), Dipl. Mineraloge K.-P. Martinek (München). Gemeinden Marmorera, Mulegns und Sur (GR), Wili Muntwyler-Stiftung St. Moritz, Familien-Vontobel-Stiftung, Stiftung Schatzinsel Alp Flix, Verein Freunde des Bergbaus in Graubünden, Verein Erzminen Hinterrhein, PD Dr. Astrid Stobbe, Universität Frankfurt, Institut für Archäologische Wissenschaften, PD Dr. Thomas Ludemann, Universität Freiburg i. Br., Fakultät für Biologie.

Dauer

2013 bis 2021