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Grabung Spina

Stadtgeschichte

 

Die Geschichte der Stadt Spina lässt sich aufgrund literarischer, epigraphischer und vor allem archäologischer Quellen in groben Zügen rekonstruieren. Die antiken Schriftquellen sind spärlich und in ihren Aussagen teilweise problematisch. Es existieren zwei Überlieferungen zur Gründung der Stadt, die in beiden Fällen in die mythische Vorzeit versetzt und mit direkten Kontakten nach Griechenland verknüpft wird. Von grosser Bedeutung ist die von verschiedenen Autoren überlieferte Angabe, dass Spina ebenso wie die südetruskische Metropole Caere im grossen panhellenischen Heiligtum von Delphi ein Schatzhaus besessen habe. Aus den vermutlich aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammenden Angaben im Periplous des Pseudo-Skylax (17) und aus Strabo (V 1. 5 und 7) wird deutlich, dass sich die Küstenlinie und damit die verkehrstechnisch sowie ökonomisch günstige Lage der Stadt in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende dramatisch verändert haben muss. Spina war eine etruskische Stadt, obwohl sie sowohl bei Pseudo-Skylax wie bei Strabo als Polis Hellenis bezeichnet wird. Umstritten ist die Frage, ob Spina politisch eigenständig oder direkt von Bologna / Felsina, der etruskischen Metropole in der Po-Ebene, abhängig war und ‚nur’ deren Hafen gewesen sei. In den Quellen weist nichts auf eine solche Abhängigkeit hin; die Angaben zu dem Thesauros in Delphi sind ein gewichtiges Argument dafür, in Spina eine politisch selbständige Stadt zu sehen. Die durch die Einwanderung der Kelten sowie die athenische, syrakusanische, spartanische und später auch römische Einflussnahme in der Region verursachten, tiefgreifenden Veränderungen in der politischen sowie militärischen Situation im oberen Adria-Gebiet und in der Po-Ebene im 4. und frühen 3. Jahrhundert v. Chr. führten dazu, dass sich auch die Lage für Spina grundlegend geändert haben muss. Zusammen mit den geoarchäologisch wie auch aufgrund der antiken Texte dokumentierten Veränderungen des Po-Laufs und der Küstenlinie im späteren 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. bestimmte dies den Niedergang der etruskischen Stadt.

Die älteren Grabungen im Siedlungsgebiet

 

Die genaue Lokalisierung Spinas im Bereich des Po-Deltas blieb nach den ersten Überlegungen des Gelehrten Flavio Biondo (1392-1463) lange Zeit umstritten. Erst mit der Freilegung der zahlreichen Gräber im Valle Trebba seit 1922 wurde die Lage am südlichen Rand des modernen Po-Deltas, im Bereich der Lagunen um Comacchio, zur Gewissheit, wobei die exakte Lokalisierung der Siedlung zunächst ebenfalls noch kontrovers diskutiert wurde. Im Rahmen der Trockenlegung der Valli di Comacchio in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts stiess man bei Baggerarbeiten zur Anlage der Kanäle in den Wintermonaten des Jahres 1958 in einer Zone mit dem Flurnamen Valle Lepri auf umfangreiche archäologische Reste, die zu einer Siedlung gehörten. Es wurde sogleich erkannt, dass damit die Stelle der antiken Stadt Spina gefunden war. Erst 1965, nach Abschluss der umfangreichen Trockenlegungsarbeiten, setzten an dieser Stelle die Ausgrabungen ein, die in erster Linie der Feststellung der Grenzen des antiken Stadtgebietes und der Klärung der Topographie dienten. Diese Untersuchungen sind weitgehend unpubliziert geblieben.

Wissenschaftliche Zielsetzungen des neuen Projekts

 

Die archäologische Erforschung etruskischer Städte und Siedlungen, aber auch einzelner Wohnhäuser stand trotz einer Reihe von Ausgrabungen lange Zeit nicht im Mittelpunkt des Interesses. Spina, durch seine geographische Lage, seine Geschichte, die intensiven Kontakte mit Griechenland und den Reichtum seiner Gräber als bedeutendes regionales und internationales Zentrum zu charakterisieren, bietet sich für eine Untersuchung in diesem Kontext an: Der Ort weist nach seiner Aufgabe in frühhellenistischer Zeit keine grossflächige, spätere Überbauung mehr auf, das Gelände befindet sich wegen seiner früheren Lage inmitten der Lagune in einem kaum gestörten Zustand und Grabungen haben nur in beschränktem Umfang stattgefunden.

Das seit 2008 laufende Forschungsprojekt des Fachbereiches Klassische Archäologie, früher Archäologisches Institut, der Universität Zürich wird in Kooperation mit der Soprintendenza per i beni archeologici dell’Emilia Romagna in Bologna und dank der finanziellen Unterstützung durch die Fritz Thyssen Stiftung in Köln sowie der Universität Zürich durchgeführt und hat zum Ziel, den Mangel an gesicherten archäologischen Fakten zur antiken Stadt zu beheben und Fragen der Urbanistik, des Wohnbaus sowie der Chronologie zu klären. Durch stratigraphische Untersuchungen auf einer begrenzten Fläche wird versucht, die verschiedenen Siedlungsphasen deutlicher herauszuarbeiten, die Architektur der Bauten Spinas zu untersuchen und einen Einblick in die Ausstattung eines etruskisches Wohnhauses klassischer Zeit zu gewinnen. Übergreifende Fragen zur Urbanistik der Stadt werden im Rahmen der geophysikalischen Prospektion des gesamten Stadtgebietes geklärt und um stratigraphische Befunde zu Kanälen, Strassen und Wegen ergänzt. Mittels naturwissenschaftlicher Untersuchungen im Bereich der Paläobotanik, der Hölzer und zu einem späteren Zeitpunkt auch der Archäozoologie soll versucht werden, ein umfassenderes Bild dieser etruskischen Stadt, ihrer Wirtschaft und ihrer Umgebung zu gewinnen. Die naturräumliche Situation in etruskischer Zeit war anders als heute, nach der Trockenlegung der einstigen Lagunen, die sich in nachrömischer Zeit ausgebreitet hatten. In der Umgebung der Stadt muss es landwirtschaftlich genutzte Flächen gegeben haben, die ein regelmässiges Entwässerungssystem erforderten. Die Pollenanalysen bestätigen das Bild intensiver landwirtschaftlicher Nutzung in der Nähe des etruskischen Spina.