Etruskische Holzarchitektur in Spina. Der spätklassische Befund eines dreischiffigen Schwellriegelbaus aus der Grabung der Universität Zürich (Periode XI)

Spina Plan
Spina Funde

Projektbeschreibung

Durch die reich mit figürlich bemalter Importkeramik bestückten Grabinventare erlangte zunächst die Nekropole der etruskischen Stadt Spina Bekanntheit in der archäologischen Forschungswelt. Seit den 1960er Jahren wird auch das sich rund 1,5 km westlich der Nekropole befindliche Siedlungsgebiet erforscht, dessen ehemaliges Erscheinungsbild dank vereinzelten Grabungssondagen und der Durchführung eines geophysikalischen Survey mittlerweile in groben Zügen rekonstruiert werden kann.

In den Jahren 2007 bis 2017 führte auch das Institut für Archäologie, Fachbereich Klassische Archäologie der Universität Zürich in Kooperation mit der Soprintendenza per i Beni Archeologici di Bologna, ein Grabungsprojekt im Zentrum des Siedlungsgebietes durch. Der zunächst 10.00 m x 10.00 m grosse Schnitt, der im Laufe der Jahre eine Erweiterung auf eine Fläche von ca. 150 m² erfuhr, erlaubte es die chronologische Abfolge von sechs Holzgebäuden auf einer der Baugrundparzellen, sowie einen Teil des Kanalsystems stratigraphisch zu untersuchen.

Die Auswertung der Grabungsergebnisse hat zum Ziel Erkenntnisse zur Chronologie und der Urbanistik Spinas, sowie zur etruskischen Architektur und Kultur im Allgemeinen zu gewinnen. Mit der Dissertation von Aleksandra Mistireki wurde dazu bereits eine umfängliche Analyse zum stratigraphisch jüngsten Holzgebäude der Parzelle aus der Zeit der Endnutzungsphase des orthogonalen Stadtsystems vorgelegt. Die Masterarbeit mit dem Titel «Etruskische Holzarchitektur in Spina. Der spätklassische Befund eines dreischiffigen Schwellriegelbaus aus der Grabung der Universität Zürich (Periode XI)» umfasst die Auswertung der chronologisch älteren sog. Periode XI, die den Befund des Vorgängerbaus umfasst.

 

Ergebnisse

Trotz deutlich schlechter erhaltenen Architekturreste und geringer Anzahl Kleinfunde, konnten wichtige Erkenntnisse zu chronologischer Einordnung, der Funktion und der Architektur des einst langrechteckigen Holzgebäudes dieser Periode gewonnen werden. Darüber hinaus gelang es den Befund in einen relativ-chronologischen Zusammenhang mit den von A. Mistireki erlangten Auswertungsergebnissen aus der nachfolgenden Periode zu bringen.

Die genaue Prüfung der Grabungsdokumentation ergab dabei zunächst, dass der Grabungsschnitt den Grundriss des Gebäudes nicht vollständig erfasst hatte. So setzten sich der nördliche Wandgraben im Westen und der westliche im Süden wahrscheinlich über die Schnittkante hinweg fort. Somit konnte weder der östliche noch der südliche Gebäudeabschluss dokumentiert werden. Unter Einbezug des gesicherten Verlaufs eines grossen NS-Kanals im Osten der Parzelle (rund 5.0 m östlich der Schnittkante) – der ferner auch als Hauptnordsüdachse der Stadt fungierte – konnte mithilfe von bautechnischen Überlegungen und Vergleichen aus den umliegenden Siedlungen der Po-Ebene ein rund 10.00 m x 7.50 m grosser Schwellriegelbau mit Satteldach, Lehmstampfboden und Eingang im Norden rekonstruiert werden. Zudem wird auf der Längsseite im Süden ein Anbau vorgeschlagen, dessen Dach auf einer Reihe von sechs kleineren Pfosten zu liegen kam, die zugleich der inneren Raumgliederung gedient haben könnten und den Bau somit dreischiffig gestalteten.

Die Auswertung der Kleinfunde erlaubt es ausserdem einen Wohnhauscharakter zu eruieren, dessen Bau und Nutzung dank der attischen Importkeramik in das 1. Viertel des 4. Jh. v. Chr. einzuordnen ist. Der am besten erhaltene Importfund ist eine Kylix der Meleager-Maler Werkstatt, die vergesellschaftet mit anderen der Lebensmittelzubereitung oder –einnahme dienenden Gefässen sowie vereinzelten Knochen aus einer Grubendeponierung mit rituellem Charakter vom Gebäudeeingangsbereich im Innern des Gebäudes stammt (siehe Foto). Der Befund einer ‘kultischen Niederlegung’ solcher Art findet im etruskischen Forschungskontext nur wenige Vergleiche, die zudem meist in Zusammenhang mit Sakralbauten bzw. einem rituellen Akt mit ‘öffentlichem’ bzw. ‘offiziellem’ Charakter wie z.B. Etruscus ritus zu sehen sind. Die Erkennung und Erfassung einer kultischen Handlung dieser Art aus einem tendenziell ‘privaten’ Kontext macht die Grubendeponierung der Zürcher Grabung zu einem singulären Befund.

Die Auswertung der dokumentierten Architekturreste und der Funde aus der sog. Periode XI erlaubte somit wichtige Erkenntnisse zur etruskischen Holzbautechnik und Wohnarchitektur im 4. Jh. v. Chr. zu gewinnen. Des Weiteren können dank der erlangten Resultate auch urbanistische und sozial-hierarchische Faktoren, wie z.B. die Positionierung eines grösseren Gebäudes an der Hauptnordsüdachse der Stadt, in die Überlegungen zur gesellschaftlichen Stellung der Gebäudebewohner miteinbezogen, und mit weiteren etruskischen Siedlungsstrukturen verglichen werden. Der Befund einer ‘kultischen Niederlegung’ aus einem Wohnraum und die mögliche Raumtrennung im Inneren des Gebäudes gibt zudem Einblick ins Alltagsleben der Siedlungseinwohner und erweitert so auch unsere Kenntnisse zur etruskischen Kultur.

Zur Stadtgeschichte, Forschungsgeschichte und näheres zu den Zielsetzungen des Projektes des Instituts für Archäologie, Fachbereich Klassische Archäologie der Universität Zürich, siehe:        
http://www.archaeologie.uzh.ch/de/klarch/Forschung/Projekte/GrabungSpina.html